Das von Martin Luther
aus dem Griechischen übersetzte Neue Testament, das sogenannte September-Testament, leitete den beispiellosen Aufschwung des Buchdrucks in Deutschland ein. Die im September 1522 in Wittenberg erschienene ungewöhnlich hohe Auflage war bald vergriffen, so dass schon im gleichen Jahr neue Auflagen gedruckt wurden. Zwischen 1523 und 1534 erschien in Teilausgaben dann das von Luther aus dem Hebräischen übersetzte Alte Testament. Die Nachfrage war derart groß, daß »Luthers Bibeldrucker«, Hans Lufft, fast jedes Jahr neue, von Luther bis zur endgültigen Fassung von 1545 korrigierte Ausgaben druckte, unter ihnen die von 1541. Aus dieser Ausgabe liegt hier das mit 26 kolorierten Holzschnitten versehene letzte Buch des Neuen Testaments in einem Faksimiledruck vor: Die prophetische »Offenbarung Sanct Johannis«, vielfach auch »Apokalypse« (Offenbarung)
genannt.
Besonders die Ausdrucksgewalt, die figurenreichen, aufwändigen Kompositionen der Illustrationen, ihre erzählerische Qualität und die Intensität der Farben üben bis heute auf den Betrachter eine ungebrochene Faszination aus. Nicht nur der in ungeheuerlichen Visionen schwelgende Text des Apokalyptikers Johannes, sondern auch die zutiefst gefühlte Kampfsituation der Zeit, mit ihren zur Entladung drängenden religiösen und sozialen Spannungen, finden in den Abbildungen ihren kongenialen Niederschlag.
Es kann heute als gesichert angesehen werden, dass die Abbildungen aus der Werkstatt Lucas Cranach d.J. stammen. Er hatte 1537 die Leitung der Werkstatt seines Vaters übernommen, der eng mit Luther befreundet war. In der 1735 durch Johann Melchior Krafft veröffentlichten »Historischen Nachricht von der 1534 gedruckten Bibel« heißt es, Luther habe für diese Bibel »durch Lucas Cranachen kleinere, feinere Formen aufs neue schneiden lassen, dabei die Zahl seiner Figuren in der ganzen Bibel hin und wieder gar sehr vermehret«.
Der außergewöhnliche Reiz der farbig kolorierten und mit
Blattgold versehenen Holzschnitte wird durch die goldene
Rahmung gesteigert, die jeder Darstellung den Charakter
eines selbständigen Bildes gibt, dass dadurch allerdings
aus dem ästhetischen Zusammenhang mit der Druckseite
herausfällt, ja sogar mit ihr in Konflikt gerät, wenn der
Rahmen an manchen Stellen die darunter oder darüber
befindliche Textzeile zum Teil überdeckt.
Das ursprünglich dreibändige Werk war im Besitz der
Stadt Zerbst, der Nachbarstadt Wittenbergs. Als erste gewichtige
Stadt nach ihr hatte sich Zerbst, damals die größte
und geschichtlich wie wirtschaftlich bedeutendste Stadt
Anhalts und »decus et ornamentum totius Anhaltinatus«(Zierde und
Schmuck von ganz Anhalt), der Reformation angeschlossen.
Ein Hauch von Abenteuer und ungelöstem Kriminalstück
umflort die Provenienz der Cranach-Bibel: in den Weltkriegswirren
an drei verschiedenen Orten versteckt, wird
nur ein Band (das Neue Testament) nach Kriegsende wieder
aufgefunden. Der zweite Band wird von einem amerikanischen
GI gestohlen und gelangt erst 1996 auf mysteriösen
Umwegen wieder an seinen Ursprungsort zurück. Band 1
- 1945 von einem Rotarmisten entführt und in Weimar als
Entschädigung an eine Familie verschenkt, deren Auto er
konfiszierte – ist verschollen.
Ein gegenwärtig in der Produktion befindlicher Dokumentarfilm
von Dagmar Brendecke recherchiert hierzu: Im Mai
1950 taucht die Cranach-Bibel in München auf, doch als
die Staatsanwaltschaften aus Dessau und München sich
für das Buch interessieren, wird der Verkauf gestoppt. Die
Bibel verschwindet im Tresor des Auktionshauses. Weiter
geschieht nichts. Es ist Kalter Krieg. 20 Jahre später erscheinen
plötzlich Anwälte im Auktionshaus und erstatten die
Kaution. Sie bekommen das Buch ausgehändigt. Dann
verliert sich die Spur in Richtung Amerika.
28 x 41 cm, limitierte Auflage 800 nummerierte Exemplare.
76 Folios, davon 36 vierfarbig mit Goldprägung, Cabraleder
mit Goldprägung im Schuber. Bibeltext (Apokalypse) nach
der Übersetzung von Martin Luther. Kolorierte Holzschnitte
Lucas Cranachs d. J. Nachwort: Johannes Jahn, Leonard A.
Jones (Text dt., engl.).
Peter Teicher, Verleger |